Zürich, nachts um 01:02
Im spärlich beleuchteten Labor der Uni Zürich verfolgte Pascale Euler gefesselt die kryptischen Zahlenfolgen auf ihrem Notebook. Um sie herum ein Arbeitstisch voller Computerboards, Prozessoren, Kabel, Messgeräte und Monitore. Auf einem der herumliegenden Computerboards drehten vier kleine Ventilatoren auf Hochtouren und versuchten, die Prozessoren zu kühlen. Die Rechner liefen auf Hochlast und lieferten auf einmal verblüffende Resultate.
Wow, das gibt es doch nicht, dachte Pascale, getraute sich aber noch nicht zu freuen. In ihrer Verwunderung keimte eine innere Freude auf, wie ein Kaktussamen der lange an Sonne getrocknet war und nun endlich von Regentropfen bewässert wurde.
Die Welt um sie herum schien sich immer mehr aufzulösen. Sie fühlte sich eins mit ihrer erschaffenen Software, während ihre Finger unaufhaltsam weitere Codes eintippten und höchstens durch einen schnellen Schluck Kaffee unterbrochen wurden. Es war ein Akt von höchster Konzentration und doch brauchte es keine willentliche Anstrengung, im Gegenteil, Pascale spürte ein warmes freudiges Durchfluten ihres ganzen Körpers. Das ganze Gebilde des Algorithmus schwebte unsichtbar vor ihrem geistigen Auge.
Ein donnernder Knall erschütterte urplötzlich die kalte Aprilnacht. Wie vom Blitz getroffen zersprang die grosse Scheibe im Labor des Erdgeschosses des Instituts für Neuroinformatik. Tausende kleine Glassplitter glitzerten im Mondschein auf und klirrten auf den Steinboden.
Pascale, vor drei Sekunden noch an ihrem Notebook, fand sich keuchend am Boden. Ihr freudiges Hochgefühl zerplatzte genauso wie die Fensterscheibe und das gedankliche Bild des Algorithmus explodierte in tausend Gedankensplitter. Als sie langsam und schwer den Kopf hob, sah sie direkt in den Lauf einer Pistole. Erschrocken zuckte sie zusammen. Dahinter erblickte sie einen behelmten Kerl in schwarzer Motorradgarnitur. Kalter Angstschweiss brach in ihr aus und wo gerade vorher noch die innere Wärme des Flows war, fühlte es sich jetzt an wie eine gefrorene Eisschicht, die sich über ihren ganzen Körper hinweg zog, so wie warmes Wasser, das schneller gefriert als kaltes.
«Hier», rief die grossgewachsene Gestalt mit elektronisch verzerrter Stimme, «ich will das Passwort von deinem Laptop». Pascale blinzelte in den starken Schein einer Taschenlampe.
Himmel, was will der Typ?
Erschiesst der mich nach dem er das Passwort hat?
Pascale überlegte kurz, ob sie besser ein falsches Passwort aufschreiben sollte, um mindestens ein wenig Zeit zu schinden. Doch dem Angreifer schien ihr kurzes Zögern sofort aufgefallen zu sein. Ein heftiger Fusstritt gegen ihre Schulter zerbrach den Gedanken brüsk. Stress erzeugen konnte genauso gefährlich werden. Geschockt zitterte sie mit schmerzender Hand ihr Passwort auf den Zettel, den ihr der Typ hingeworfen hatte. Als sich dieser bückte, hielt sich Pascale schützend die Hände über den Kopf. Der Motorradfahrer schnappte sich nur den Zettel und tippte mit der freien Hand die Zeichen in Pascales Notebook ein. Die kurze Zeit der Passworteingabe kam Pascal ewig vor. Jede einzelne Muskelfaser in ihrem Körper war angespannt. FFF blinkte vor ihrem geistigen Auge auf, die drei Überlebensmöglichkeiten. Flight? Eine Flucht würde wohl sofort mit einer Kugel gestoppt. Fight? Pascale blickte kurz hoch, sah die kräftige Gestalt plus Pistole, und erkannte das dies chancenlos war. «Geht doch», klang es plötzlich unter dem Helm hervor. Freeze blieb ihre einzige Möglichkeit in diesen Alptraum. Der Motorfahrer packte das Notebook in einen schwarzen Rucksack, sprang über die herumliegenden Glassplitter und verschwand im Dunkel der Nacht. Pascale hörte ein Motorrad wegfahren, dann war es still, wie nach einem Sturm.
Langsam getraute sie sich wieder zu atmen. Völlig verstört blickte sie umher. Ihre Hände zitterten, ihr Atem ging schwer, und es schien ihr, als würde sich unter ihr der Boden hin und her wiegen. Es war bereits ein Uhr nachts. Vor gerade mal 30 Sekunden hatte sie noch an der Programmierung ihrer neusten neuronalen Algorithmen gearbeitet. Nachts liess es sich so konzentriert arbeiten.
Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Schulter von dem Sturz schmerzte. Im Halbdunkeln tastete sie sie ab; es fühlte sich warm und feucht an. Als sie die Hand zurückzog, erschrak sie. Blut. Die Glassplitter der zerborstenen Scheibe hatten sich in ihre Haut geschnitten. Schwindel kam auf. Sie atmete tief durch. Von draussen wehte zum Glück kühle Luft hinein, und sie roch den Duft von feuchter Frühlingswiese.
Das Institut lag wunderschön auf der Anhöhe der Anlage des Irchels, und nichts hatte darauf hingedeutet, dass in dieser Nacht ein solcher Überfall passieren würde. Pascale konnte es nicht fassen. Jemand war mit Gewalt mitten in der Nacht in das Institut eingedrungen, um ihr Notebook zu stehlen? Wie grotesk.
Zu ihrer Verwirrtheit kam ein drückendes Gefühl hinzu. «Im Notebook sind auch all meine privaten E-Mails abgelegt, die muss nun wirklich nicht jeder lesen», ging es ihr durch den Kopf. Und dann kann dieser gewalttätige Typ auch noch in meinen Fotos und persönlichen Notizen rumwühlen. Pascale liess den Kopf in ihre Hände fallen, sie war tief frustriert.
Gerade in den letzten zehn Tagen hatte sie intensiv an der Software gearbeitet und ausserordentliche Fortschritte gemacht. Und jetzt war alles weg. Seit Wochen funktionierte zu allem Übel das Server-Backup nicht mehr, so dass sie die Dateien kurzerhand auf einen USB-Stick gesichert hatte, so auch heute Nacht. Und dieser Stick steckte noch – im Notebook.
Sie hatte keine Ahnung, wer dieser Motorradfahrer sein konnte. War das ein Angriff auf das Institut? Sie konnte sich keinen Grund ausdenken, der für eine solche Tat auch nur ansatzweise Sinn machen würde. Es war einfach nur abgründig und rätselhaft.
Was ihr aber am meisten zu schaffen machte, war ihr brisanter Algorithmus, den sie auf dem Notebook gespeichert hatte, denn jede Technologie konnte auch missbraucht werden. Ihr Algorithmus war selbstlernend und besass die Fähigkeit, sich autonom zu vernetzen, was ihn wohl auch zu einem intelligenten Instrument für kriminelle Machenschaften machen könnte. Pascal wurde ganz kalt.
Verdammt, sie musste ihr Notebook zurückbekommen, egal was es kosten würde.